Rose: Kapitel 4

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Kapitel 4: Einführung in Eröffnungen

Dieses Kapitel erlaubt einen kurzen Einblick in die wundervolle Welt der Eröffnungen. Ich möchte klar unterscheiden zwischen der Eröffnungsphase des Spiels, die ich in diesem Kapitel behandeln werde und Bucheröffnungen, also Zugfolgen, die man einstudiert hat und auswendig kennt. Es ist nicht klar definiert, wann die Eröffnungsphase endet und das Mittelspiel beginnt. Oft spricht man von den ersten 10, 15 oder 20 Zügen des Spiels. Für mich ist die Eröffnungsphase beendet, wenn eines der Kantenfelder besetzt wurde.

Die Entwicklung von starken Computer-Programmen in den 90er Jahren hatte einen wesentlichen Einfluss auf die Eröffnungstheorien. Für Experten, die natürlich jede Gelegenheit nutzen wollten, einen Vorteil im Spiel zu erlangen, bedeutete dies, einen größeren Teil ihrer Übungszeit damit zu verbringen, Bucheröffnungen zu analysieren und einzustudieren. Es soll Fälle gegeben haben, in denen Spieler komplette Spiele mit vorher einstudierten Zügen beendet haben!

Für Anfänger jedoch führt diese Eröffnungstheorie zum gegensätzlichen Schluss. Sie sollten lieber weniger oder gar keine Zeit dafür verwenden, Züge auswendig zu lernen. Es stellt sich heraus, dass es anders als man noch vor 10 oder 20 Jahren dachte, sehr viele verschiedene Wege gibt, die Eröffnung zu spielen. All diese Wege führen zu relativ ausgeglichenen Positionen. Sogar viele Züge, die auf den ersten Blick schrecklich wirken, geben dem Gegner doch nur einen kleinen Vorteil; sicherlich kein Grund, sich Gedanken zu machen in einem Spiel zwischen Anfängern. Ich glaube es bringt Anfängern nicht viel, Eröffnungen auswendig zu lernen. Viel nützlicher und auch sicherlich lustiger ist es stattdessen, einfach drauf loszuspielen.

Ein anderes Ergebnis der Computer-Analysen ist es wert, hier erwähnt zu werden. Als diese Arbeit verfasst wurde, schien es, dass ein perfect gespieltes Othello-Spiel in einem Unentschieden enden würde. Somit musst du dir keine Gedanken darüber machen, mit welcher Farbe du spielst. Keine Seite beginnt mit einem Vorteil. Ich würde empfehlen, dass du mit jeder Farbe in etwa die Hälfte deiner Spiele spielst. Es ist eine schlechte Angewohnheit, eine "Lieblingsfarbe" zu haben, mit der man bevorzugt spielt.

Lasst uns bei unserer Diskussion über Eröffnungen mit dem ersten Zug im Spiel beginnen. Schwarz hat vier Möglichkeiten. Theoretisch betrachtet, sind sie alle gleich, denn das Brett ist symmetrisch. Praktisch gesehen, macht es sehr wohl einen Unterschied wohin man spielt. Die meisten Experten setzen den ersten Zug immer gleich und auch ich würde das empfehlen, denn Positionen, die du bereits gesehen hast, sind so leichter zu erkennen. Ich persönlich habe immer den ersten Zug auf f5 gespielt, was man in den meisten, der hier gezeigten Diagramme sehen kann.

Beim zweiten Zug hat Weiß drei Möglichkeiten, die als rechtwinklig, diagonal oder parallel, bezeichnet werden. Dies wird in den Diagrammen 4-1, 4-2 und 4-3, veranschaulicht. Sowohl der diagonale als auch der rechtwinklige Zug sind perfekt. Der parallele Zug ist nicht vorteilhaft. Ich erinnere mich nur an ein Mal, dass ich die parallele Eröffnung gespielt habe. Es war in einem Spiel gegen Jonathan Cerf, Weltmeister 1980, mit schwarzen und weißen Törtchen anstatt der regulären Spielsteine. Ich kam in derartige Schwierigkeiten, dass ich begann die Törtchen zu essen! Es macht sicher Sinn, die parallele Eröffnung zu üben, jedoch in Spielen die man wirklich gewinnen will, sollte man die diagonale oder senkrechte Eröffnung wählen.


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Diagramm 4-1: Diagramm 4-2: Diagramm 4-3:
Rechtwinklig – perpendicular Diagonal Parallel


Stell dir vor, du spielst mit Schwarz, und dein Gegner hat die rechtwinklige Eröffnung gewählt. Beim dritten Zug hast du 5 Möglichkeiten: c3, c4, c5, c6 und c7. Für welchen Zug soll sich Schwarz entscheiden? Einige Experten werden mir widersprechen. Ich denke jedoch, dass sich die Strategie zu Beginn des Spiels nicht wesentlich von der Strategie im Mittelspiel unterscheidet. In Kapitel 3 wurden die Vorteile von leisen Zügen und die Nachteile von lauten Zügen aufgezeigt. Demzufolge ist es auch ratsam, in der Eröffnungsphase möglichst leise Züge zu suchen. In diesem Fall ist die Definition von leisen Zügen, die ich im Kapitel 3 formuliert habe, nicht passend, da jeder der 5 Züge die Schwarz hat, genau einen Spielstein wenden und sowohl der gespielte Spielstein, als auch der gewendete Spielstein, Frontsteine sind.

Vielleicht verfeinern wir diese Definition und sagen, dass der leise Zug c5 ist, da der nun umgedrehte Spielstein auf d5 von 5 anderen Spielsteinen umgeben ist, und Weiß beim nächsten Zug diesen Spielstein nicht überspringen kann. Der lauteste Zug ist c7, da sich der neue Spielstein sehr von den bereits vorhandenen Spielsteinen entfernt. Als ich im Jahr 1980 begann, Othello zu spielen, war der bevorzugte Zug von Schwarz c5. Es erschien naheliegend, die drei weißen Spielsteine in der Mitte zu teilen. C7 schien schon damals die schlechteste Wahl zu sein. Bei der diagonalen und parallelen Eröffnung sind sicher die leisen Züge in die Mitte e6 (Diagramm 4-2) und e3 (Diagramm 4-3) naheliegend.

Welche anderen Kriterien neben dem Vermeiden von lauten Zügen könnten wir heranziehen, wenn es darum geht, den richtigen Zug zu finden? Der größte Unterschied zwischen der Eröffnung und dem Rest des Spiels ist wohl die Tatsache, dass es mit wenigen Steinen sehr wichtig ist, eigene Spielsteine in der Mitte zu kontrollieren. Wenn also ein Spieler in der Lage ist, seine Spielsteine in der Mitte zu konzentrieren, spricht man davon, dass er die Mitte kontrolliert (engl.: control the center). Viele Eröffnungen in Spielen zwischen Experten sind eigentlich Kämpfe um die Mitte. Oft macht es in der Eröffnung Sinn, einen lauten Zug zu wählen, um dadurch Spielsteine in der Mitte umzudrehen, und so die Möglichkeit zu bekommen, leise Züge zu setzen.

Diagramm 4-4 zeigt zum Beispiel eine der wohl am häufigsten gespielten Eröffnungen in Experten-Spielen, die zur Position in Diagramm 4-5 führt. Hier erscheint ein stiller Zug, wie zum Beispiel d1, als naheliegend. Dies ändert jedoch nichts an der Kontrolle, die Schwarz über die Mitte hat. Deshalb wird von Weiß sehr oft direkt durch die Mitte gespielt, wie in Diagramm 4-6 gezeigt wird. Dadurch wird eine Präsenz in der Mitte geschaffen.


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Diagramm 4-4: Diagramm 4-5: Diagramm 4-6:
Weiß ist am Zug


Vergleiche die Diagramme 4-7 und 4-8. Die Positionen sind identisch, bis auf die Farbe des Spielsteins auf f5. Denke einen Moment darüber nach, welche der beiden Positionen für Schwarz vorteilhafter ist.


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Diagramm 4-7: Diagramm 4-8: Diagramm 4-9:
Schwarz ist am Zug Schwarz ist am Zug Weiß ist am Zug


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Nach allem, was wir bisher diskutiert haben, mag die Position in Diagramm 4-8 vorteilhafter für Schwarz erscheinen, schließlich hat Weiß einen zusätzlichen Frontstein, und Frontsteine sind für gewöhnlich schlecht. In Diagramm 4-7 jedoch ist der Spielstein auf f5 sehr nützlich für Schwarz, da dieser Spielstein den Zugang zu f3 gewährleistet, was zu einer sehr kompakten Position für Schwarz führt (siehe Diagramm 4-9). Gleichzeitig ist Weiß gezwungen, beim nächsten Zug nach außen zu spielen. Schwarz hat einen beachtlichen Vorteil.

In Diagramm 4-8 hat Weiß viele Frontsteine, Schwarz ist jedoch in einer heiklen Position. Es gibt viele einigermaßen leise Züge, von denen jedoch keiner zu einer wirklichen Präsenz in der Mitte führt. Am offensichtlichsten erscheint es, dass Schwarz einfach durch die Mitte spielt, wie Diagramm 4-10 zeigt. Dadurch hat Weiß aber Möglichkeiten für stille Züge nach d3, f3, d7 und f7. Trotz der großen Anzahl an weißen Frontsteinen ist die Position also relativ ausgeglichen.

Diagramm 4-10


Diagramm 4-11, 4-12 und 4-13, zeigen einige häufige Fehler bei Eröffnungen, die man vermeiden sollte. In Diagramm 4-11 macht Weiß den Fehler, den Spielstein weit weg vom Zentrum zu platzieren. Viel besser wäre es, f4 zu spielen und damit 2 Spielsteine in der Mitte zu gewinnen. Diagramm 4-12 zeigt einen weiteren schlechten Zug von Weiß. Dieser Zug ermöglicht es Schwarz unnötigerweise, einen excellenten Zug nach e6 zu setzen. In Diagramm 4-13 spielt Weiß nach außen, f6. Es ist besser f4 zu spielen, was auf den ersten Blick ziemlich ähnlich aussieht, jedoch mehr in Richtung Mitte ist.

Eröffnungen mögen schwierig erscheinen, wenn du jedoch immer versuchst, die Mitte zu kontrollieren, und möglichst leiste Züge setzt, wirst du normalerweise mit einer vernünftigen Position ins Mittelspiel gehen können. Das Spiel wird um einiges komplizierter, wenn die Kantenfelder besetzt werden. Das Kapitel 5 wird sich damit näher beschäftigen.


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Diagramm 4-11: Diagramm 4-12: Diagramm 4-13:
Schwarz ist am Zug Schwarz ist am Zug Weiß ist am Zug




Übungen

Finde in jedem Diagramm den besten Zug. Diese Übungen sind deutlich schwerer, als jene in den Kapiteln zuvor. Die Antworten findest du hier.


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Übung 4-1: Übung 4-2: Übung 4-3:
Schwarz ist am Zug Weiß ist am Zug Weiß ist am Zug


RoseExe04-04.png RoseExe04-05.png RoseExe04-06.png
Übung 4-4: Übung 4-5: Übung 4-6:
Weiß ist am Zug Schwarz ist am Zug Weiß ist am Zug



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